
K O M M E N T A R
von Dr. Werner Thiede
Höchst erfolgreiche Sachbücher und der auf ihnen basierende Bestseller-Roman „Sakrileg” beruhen auf Fälschungen und Täuschungsmanövern im Blick auf das Leben Jesu. Zu diesem Ergebnis kommt eine genaue Untersuchung, die in der Reihe „ZDF-Expeditionen” am 15. Januar präsentiert wurde. Millionen von Menschen werden jetzt ihr Jesusbild korrigieren müssen, sofern sie es aus jenen dubiosen Quellen haben formen lassen. Am Karfreitag 2005 noch hatte das ZDF in der Sendung „Maria Magdalena. Heilige oder Hure?” selbst die provokante Frage gestellt, ob Jesus vielleicht mit jener Maria Kinder gezeugt habe. Tatsächlich nahm der ZDF-Beitrag für seine Nachfrage hinsichtlich der historischen Maria Magdalena nicht nur Wissenschaftler in Anspruch, sondern gleichrangig auch höchst zweifelhafte Quellen wie apokryphe gnostische Evangelien und Visionen der Augustinerin Anna Katharina Emmerick (1774-1824). Die Sendung war gespickt mit suggestiven Fragen um eine erotische Beziehung der Frau zu Jesus, begleitet etwa von dem mißtrauisch stimmenden Kommentar: „Die Bibel schweigt hierzu.”
Gleichlautende Thesen über Jesu angebliche Vaterschaft hatten viele Jahre zuvor Michael Baigent, Richard Leigh und Henry Lincoln in ihren Büchern „Das Vermächtnis des Messias. Auftrag und geheimes Wirken der Bruderschaft vom Heiligen Gral” (1987) und „Der Heilige Gral und seine Erben” (seit 1982 ein Verkaufsschlager über Jahre hin!) verbreitet. Auf deren Thesen wiederum basierte der Bestseller-Roman von Dan Brown „Sakrileg” (2003, deutsch 2004), der im Mai verfilmt in die internationalen Kinos kommen wird.
Jetzt aber hat das ZDF selbst diese Thesen als „beispiellosen Clou in der Geschichte des Journalismus” entlarvt. In der Sendung am 15. Januar wurde detailliert nachgewiesen, daß und wie hier in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Mythos aufgebaut worden war. Die „journalistischen Hirngespinste” von dem mit Maria Magdalena Kinder zeugenden Jesus halten allerdings inzwischen, wie die Sendung selbst deutlich machte, Millionen von Menschen für Tatsachen. Sie wurden damit auf eine nichtbiblische, von älteren sektiererischen Stoffen genährte Fährte gelockt. Es ist kein Zufall, daß dieselben Autoren Baigent und Leigh auch den Bestseller „Verschlußsache Jesus” zu verantworten hatten, der ebenfalls ungezählte Menschen verwirrt und im christlichen Glauben erschüttert haben dürfte, der aber längst in seiner Substanz als wissenschaftlich unhaltbar durchschaut ist. Längst war es an der Zeit, daß das ZDF die verschwörerischen Thesen von internationalen Bestsellerautoren kritisch durchleuchtet hat, statt sie weiter zu transportieren. Einem breiten Publikum wurde nun deutlich, daß jene abwegigen Jesus-Bilder „historischer Überprüfung nicht standhalten”.
Dr. Werner Thiede ist Privatdozent für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und Chefredakteur des „Evangelischen Sonntagsblatts aus Bayern”.
Mit freundlicher Genehmigung von idea-Pressedienst Nr. 016 (Online-Version) Montag, 16. Januar 2006